Die Fliehkraft der Vermögensteuer
Wer die Rechnung wirklich bezahlt, wenn hohe Einkommen und Vermögen besteuert werden
Die Debatte über die Vermögensteuer rückt regelmäßig ins Zentrum der europäischen und italienischen Politik: Vermögen und hohe Einkommen kräftig zu schröpfen, ist zweifellos politisch verführerisch und für die Wählerschaft emotional befriedigend.
Wirtschaftswissenschaft und Geschichte zeigen hingegen, dass es für die Staatsfinanzen fast immer zum Bumerang wird, den Steuerzahler als statische Größe zu behandeln. Der Grund liegt in einem unvermeidlichen strukturellen Mechanismus, der einsetzt, sobald Besteuerung als ungerecht empfunden wird: Kapitalflucht.
Überschreitet die Steuerlast die Warnschwelle, entsteht eine Fliehkraft, die das Land rasch ärmer macht und die Betroffenen zum gastfreundlicheren steuerlichen Gravitationszentrum treibt.
Dasselbe gilt für die ebenso glanzvolle Idee, die höchsten Einkommen zu treffen: Was geschieht etwa, wenn der Staat beschließt, jene mit unverhältnismäßigen Sätzen zu belasten, die 20, 30 oder 50.000 Euro im Monat verdienen können?
Auf diesem Einkommensniveau sprechen wir fast nie von passivem Kapital, sondern von Spitzenkräften, Digitalunternehmern, international renommierten Chirurgen. Eine Strafbesteuerung dieser Summen hat drei unmittelbare Nebenwirkungen:
Die Verlagerung von Talent: Wer solche Beträge verdient, ist weltweit uneingeschränkt mobil. Er kann innerhalb weniger Wochen beschließen, seinen steuerlichen Wohnsitz in die Schweiz, nach Dubai oder in Länder mit Flat-Tax-Regelungen für Neuzuziehende zu verlegen.
Der Wegfall des inländischen Konsums: Ein Spitzeneinkommen, das das Land verlässt, zahlt nicht nur keine direkten Steuern mehr, etwa die IRPEF [italienische Einkommensteuer]. Es gibt auch vor Ort kein Geld mehr aus; damit entfallen Einnahmen aus Mehrwertsteuer, Steuern auf Luxusgüter, Immobilieninvestitionen und der lokalen Zulieferwirtschaft.
Das Wachstumshemmnis: Behält der Staat fast den gesamten zusätzlich erwirtschafteten Ertrag ein, erstickt er den Antrieb, mehr zu produzieren und neue Unternehmen zu gründen oder anzuziehen.
Die Geschichte ist ein Friedhof von Steuern, die den Reichtum treffen sollten und am Ende den Staat ärmer machten. Einige der unzähligen Beispiele:
Der italienische Superbollo (2011) [zusätzliche Kraftfahrzeugsteuer]: Die Steuer auf Autos mit mehr als 185 kW sollte 168 Millionen einbringen. Es kamen rund 60, und laut UNRAE [italienischer Verband ausländischer Fahrzeughersteller] kostet der Zuschlag den Fiskus „120 Millionen Euro jährlich an entgangenen Einnahmen“ (eigene Übersetzung). Die Luxusautos wanderten ins Ausland ab und ließen Einnahmen aus Eigentumsübertragungen, Kraftstoffen und Wartung verschwinden.
Die Luxury Tax auf Yachten in den USA (1991): Die Abgabe von 10 % auf Boote brachte den heimischen Bootsmarkt zum Einbruch und führte laut dem Verband der Bootsbauer zur Entlassung von „über 25.000 Facharbeitern“ (eigene Übersetzung); ein Kongressausschuss schätzte den Verlust durch sämtliche Luxussteuern auf über 9.000 Stellen. Sie wurde 1993 im Eilverfahren abgeschafft, um die von ihr verursachten Kosten der Arbeitslosenunterstützung zu stoppen.
Die Abschaffung der Vermögensteuer in Schweden (2007): Zermürbt von der Flucht von „über 500 Milliarden Kronen“ (eigene Übersetzung; Schätzung der schwedischen Regierung, über 50 Milliarden Euro) und dem Wegzug der Gründer von Konzernen wie IKEA und Tetra Pak musste Schweden die Steuer abschaffen, um die Liquidität zurückzuholen.
Die Fenstersteuer in England (historisches Beispiel von 1696): Um nicht zahlen zu müssen, „mauerten die Eigentümer buchstäblich das Licht zu“ (eigene Übersetzung) und verursachten eine städtische Gesundheitskrise.
Vergessen wir nicht, dass Reiche rechtliche und logistische Mittel haben, ihren Lebensmittelpunkt zwei Klicks weiter zu verlagern. Verlassen große Vermögen und hohe Einkommen die Landesgrenzen, verschwindet der Finanzbedarf des Staates nicht: Er lastet dann einfach stärker auf denen, die bleiben. Es ist pervers, mehr Gerechtigkeit zu versprechen und schließlich jene zu besteuern, die gegen ihren Willen an den Ort gebunden sind. Sie bezahlen die Rechnung für eine politische Rhetorik, die von den Zahlen widerlegt wird.
Ohne echte weltweite multilaterale Koordinierung – wie die beim G20 diskutierte Global Minimum Tax – führt jeder einseitige Versuch, eine Nettovermögensteuer einzuführen oder hohe Einkommen übermäßig zu besteuern, zu einem einzigen mathematischen Ergebnis: zur Verarmung der nationalen Wirtschaftsstruktur. Kapital und Talent als statische Größen zu behandeln, bleibt der schwerste und teuerste Rechenfehler, den öffentliche Haushaltsführung begehen kann.