Das erste Gesetz eines Volkes: gegenseitiges Vertrauen
Geduld lässt sich, anders als ein Gesetz, nicht per Dekret verlängern.
Im unbeständigen Gedächtnis unserer erleuchteten Politikaster zeigt sich selten ein Schimmer Vernunft.
Welche Regel hat noch kein Gesetzgeber je geschrieben und trägt doch alles? Das Vertrauen.
Es wohnt in jeder Geste, noch bevor es in der Rechtsordnung wohnt: im Wert des gegebenen Wortes ebenso wie darin, dem Nachbarn mit seinen Einkaufstaschen auf der Treppe Platz zu machen. Es ist unser Erbe, und als solches kann es verschleudert werden.
Ein Haus zu kaufen, bedeutet, sicher zu sein, dorthin zurückkehren zu können, ohne fürchten zu müssen, wegen der Übergriffe anderer nicht mehr hineinzukommen. Ins Auto zu steigen in der Gewissheit, der andere werde die Verkehrsregeln achten, ist ein Akt des Vertrauens in die anderen und in die Nation.
Rom vergisst: Wer den ungestraft lässt, der sich nimmt, was die Regel ihm verwehrt, löscht im anständigen Menschen jedes Vertrauen aus. Der „Anständige“ weiß, dass es nicht am Richter liegt, der anwendet, was er vorfindet, und nicht am Carabiniere [Angehöriger der italienischen Gendarmerie], der im Morgengrauen festnimmt und mittags den gerade Festgenommenen durch die Hintertür hinausgehen sieht. Der „Anständige“ erkennt glasklar: Schuld sind das Gesetz und Vorschriften, geschrieben von Leuten, deren Häuser an Orten stehen, an denen jene, die nicht „anständig“ sind, nicht einmal von einem „Besuch“ träumen. Wenn der Staat seine Verteidiger ankettet und jene freilässt, die ihn verachten, zerbricht er das Vertrauen, das die Grundlage jeder Zivilisation ist.
Seit Jahrzehnten wird uns geduldig erklärt, es sei „komplizierter, als es scheint“, und soziale Not und Umfeld machten gewisse Verhaltensweisen unausweichlich. Du „Anständiger“, zahle und schweige, denn du hast unrecht; du bist nicht genug, um dir erlauben zu dürfen, deinen tiefen Widerspruch auszudrücken.
Die Kühnheit zu besitzen, das eigene Haus zu verteidigen, die Sicherheit zu verlangen, sich im eigenen Ort ebenso wie im eigenen Land unbesorgt bewegen zu können: Das ist in manchen Nationen zu edel verlangt, besonders in jenen, die all das hervorgebracht haben, was man heute Zivilisation nennt.
Aber es gibt eine Schwelle. Die Geschichte kennt sie, und die Mächtigen erinnern sich stets zu spät an sie. Ein Volk, das zahlt und nicht verteidigt wird, bleibt lange geduldig; das ist seine Tugend und sein Verhängnis. Es schweigt, erträgt, vertraut. Bis es eines Morgens nicht mehr vertraut. Dann schreibt es keine Petitionen: Es geht auf die Straße. An diesem Tag fragt es nicht um Erlaubnis und bringt keine guten Manieren mit. Wer oben sitzt, wäre gut beraten, sich heute daran zu erinnern, bevor die Straße ihn daran erinnert.